Über Empathie und Borderline

und angeregt durch einen völlig daneben gegriffen Beitrag
über Borderline – in dem es heisst – wir seien nicht fähig
zu Empathie – hier mal eine Richtigstellung.

Ein grundsätzliches Problem bei Borderlinern stellt die
Intensität ihres Gefühlserlebens dar. Gefühle überfluten sie,
und sie werden von Ihnen erschlagen bzw. ertrinken in Ihnen,
(damit sind positive Gefühle – wie auch negative Gefühle gemeint)
und im Gegensatz zum psychisch stabilen Menschen fehlt es
ihnen an Mechanismen und Strategien diese Gefühle wieder
zu regulieren und in ein gesundes Maß zu bringen.
Es entzieht sich ihrer Kontrolle. Weshalb sie eben auch
zu Impulskontrollverlusts- Handlungen neigen. Oder wie
es dann eben andere Menschen mitbekommen „überreagieren“.

Extreme Gefühl stellen für sie deshalb eine Gefahr dar.
Das ist ein Grund warum sich manche von Ihnen ritzen,
sich selbst verletzen, zu Suchtmitteln greifen (Alkohol, Drogen
oder auch zu stoffungebundenen Süchten) oder sich auf
andere Art versuchen zu betäuben – oder eben auch nur noch im
Suizid ein „enden dieser unerträglichen Gefühle“ sehen.
Einen Ausweg. Damit sie endlich nichts mehr fühlen.

Diese Gefühle und ihr Erleben ist mit sehr großer Angst
verbunden. Angst vor dem Kontrollverlust. Angst vor diesen
Gefühlen.

Jetzt aber zur Empathie… weil Borderliner in der regel
auch schlimme Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben und
ihre „Vulnerabilität“ (Verletzbarkeit) – sie auch dafür
anfällig macht bzw. natürlich auch ihr etwas chaotischer
Lebenstil und die Lebenverhältnisse, in die sie immer
wieder – fast wie magnetisch reinrutschen – haben sie
gerade sehr starke Antennen, für ihren Gegenüber entwickelt.
Sie spüren mehr noch als andere unterschwellige Signale
und Botschaften – sehen Bedrohungen schon in ihren Anfängen
– was sie also quasi zu eher „extrem Empathischen“ Menschen
macht – denn sie haben gelernt – den anderen zu lesen – und
dies war notwendig um sich vor schlimmer Verletzung zu schützen.

Manchmal – und das macht sie vielleicht in gewissen Situationen
dann eher unempathisch – sehen sie im anderen eine so große
Bedrohung durch „seine gespiegelten“ Gefühle – dass sie
sich davor verschließen müssen – denn es fehlt ihnen oft
an der notwendigen Abgrenzung zu ihrem Gegenüber.

Weil ihr Selbstvertrauen und ihr Ich-Bild – auch schwer
durch andere Erschütterbar ist – müssen sie oft stark
nach Außen reagieren um einen gefühlten Angriff auf
ihr selbst abzuwehren.

Sie versuchen dann tatsächlich von der Gefühlsgewalt
des anderen zu verschließen – weil sie es nicht ertragen können
und weil es Ihr vielleicht zartes Pflänzchen an „Ich-Stärke“
beschützen müssen.

So ungerne ich es zugebe – aber andere Menschen haben die
Macht mich zu zerstören (gefühlt in Hinblick auf mein Selbstbild)
– das darf ich nicht zulassen. In diesem Fall wird dann alles
an Energie in die Außenverteidigung eben durch Aggression mobilisiert.
Was uns dann wieder nicht zu so angenehmen Zeitgenossen macht. *flöt*

Aber das ist ein anderes Thema ^^

Besonderes bewusst wurde mir das mit der extremen Empathie
in meiner stationären Zeit, ganz speziell in der Zeit,
als ich mit einer „Blut-Spritzen-Verletzung“-Phobie in ein
Programm zur Angst-Konfrontation aufgenommen wurde.

Es fing an als ich noch ein ganz kleines Kind war und mit
einem Cousin mal dabei war – als ihm Blut abgenommen wurde.
Schon das hören hat gereicht: Sein Klagen und seine Angst
– das hat sich in mir so ausgedehnt (sein Gefühl) – dass mir
schlecht wurde – ich die Situation nicht mehr ertragen habe
und ohnmächtig wurde.

Damals hatte ich da noch keinen Zusammenhang… es wurde mir
aber in dieser Konfrontationstherapie bewusst.

Im Laufe der Jahre – hat mich diese Angst davor so sehr in
Beschlag genommen, dass ich nicht mehr fähig war zu irgendeinem
Arzt zu gehen. Gefahren draußen – Unfälle etc. – lähmten mich
so sehr – dass ich in einen Zustand der Dissoziation und Depersonalisierung bzw.
Derealisation geriet.

Das kann man natürlich als „Empathielos“ ansehen – doch
es ist für mich gerade das Gegenteil… es ist ein Ausstieg,
weil man aussteigen muss. Und darauf hat man selbst gar nicht
mehr so den Einfluss – es passiert einfach mit einem.

In der Therapie arbeitete man nun mit Konfrontation:
Ich musste mir Bilder von Unfallopfern anschauen – was nicht
wirklich was brachte, denn ein Bild oder ein Film ist nicht
dasselbe wie die Realität (obwohl ich manchmal bei Filmen auch
schon Schwierigkeiten habe – mich emotional abzugrenzen und sie
mich extrem flashen – speziell wenn es um Todesangst geht) – auch
musste ich jeden Tag zur Blutabnahme und mit „Blut“ spielen –
also hinschauen – aushalten, die Röhrchen danach betrachten etc.
…. dann wurde ich auch bei ärztlichen Behandlungen von Mitpatienten
mit einbezogen, sofern diese nichts dagegen hatten.

Und da wurde es für mich ganz schlimm. Es waren wie gesagt
NUR Blutabnahmen….. setzte sich die Person da hin und
hielt locker und ohne Angst ihren Arm hin und sagte: Dann
machen sie mal… spürte ich in mir nichts. Es war okay.
Diese Person hatte keine Angst – ich war also auch entspannt.
hatte die Patientin allerdings selber „und auch nur ein
klein wenig Angst oder Unbehagen“ vor der Blutabnahme –
was noch nicht mal soooo klar offensichtlich sein musste-
hielt ich es mit ihr in dem Behandlungsraum nicht mehr aus.
Ich wurd unruhig – geriet unter Stress – Mir wurde wieder schlecht
– ich spürte ihre Angst um ein vielfaches deutlicher – als sie es „real“
wohl empfunden hat.Das war mir bewusst – ich funktionierte wie
ein Verstärker.

In mir wurde das Gefühl ins unendliche potenziert … bis zur
Unerträglichkeit. Herzrassen, Angst, Übelkeit, Flimmern vor den Augen,
Panik und schließlich Ohnmacht.

Die Ohnmächtigkeit – so klärte mich meine Ärztin auf – wäre
ein völliger Ausstieg aus der Situation. Dass mir das passierte
befand sie als eher ungünstig – weil ich eben nicht in der Situation
blieb. Auch das lässt sich übertragen – da ich auch oft bei anderen
Aussteige – Dinge nicht an mich ran lasse – nicht gewollt – aber es
passiert – aber bin ich deshalb emphatielos?

Auch in Gruppenstunden in denen andere über Ihre Probleme sprachen,
bemerkte ich des öfteren, dass ich extrem die Schwingungen der
anderen absorbierte und in mir um ein Vielfaches verstärkter
empfand… so weinte ich für andere – verzweifelte – konnte den Druck
nicht mehr ertragen und wurde immer unruhiger … oder ich platzte vor
Aggressionen, die andere „lebten“ – wenn auch versteckt und
gar nicht so offensichtlich – und die nichts mit mir selbst zu
tun hatten. Oder ich fühlte die Bedrohungen einer Patientin
die von anderen Angegriffen wurde – und die ich „retten musste“,
indem ich MICH als Zielscheibe anbot – teils weil ich die Person
dann auch als zu schwach erlebte und weil es scheinbar niemand
anderem auffiel was hier gerade passiert.

Entgegen der Behauptung Borderliner seinen umempathisch zitiere
ich hier mal eine Therapeutin von vielen – die ebenfalls genau
das Gegenteil behauptet und schreibt:

Borderliner sind häufig auch hochsensible Menschen, mit einer
hohen Empathie und empfindlichen Sensoren, für das Fühlen, die
Mimik und Gestik seines Gegenübers.

Dumm nur, dass wir unseren Gefühlen selten Vertrauen 😉
– aber das ist auch wieder ein anderes Thema.

Bleiben wir bei Empathie: Ein anderes Problem, was ich habe
und was damit zusammenhängt ist „die Angst davor selber Auto zu
fahren“ – wohl kaum einer würde da einen Zusammenhang vermuten
aber ich weiß – was der eigentliche Grund meiner Angst ist.

Ich kann/werde es nicht ertragen (z.B. im Falle eines Unfalls)
diese große Schuld auf mich zu laden. Ich habe extreme Angst
andere zu verletzen (natürlich weil ich selbst so sehr die
Verletzung fürchte) und es nie wieder gut machen zu können.
Ich gehe diese Gefahr gar nicht erst ein… deswegen fahre
ich nicht. Denn ich könnte jemandem ganz schrecklich weh tun.

ich könnte damit nicht leben – es würde mich fertig machen.
So wenig Empathie besitze ich. :-/

Ja – und manchmal steige ich aus. Erstens weil man es gar
nicht hin bekommt niemanden zu verletzen – und zum anderen,
weil ich die Gefühle der anderen genauso schlecht ertragen
und regulieren kann – wie meine eigenen. Und weil ich unbedingt
Grenzen wahren muss. Zwischen Ihnen und Mir.

Manchmal – ja – da schlage ich um mich – so scheint es –
meist um mich selbst zu schützen oder abzugrenzen – aber
ich berücksichtige immer, ob der andere auch stark genug
ist, das zu ertragen. Niemals würde ich einem schwachen
etwas zumuten. Niemals jemanden absichtlich verletzen,
der das nicht aushalten kann. Niemals einem Kind, einem
labilen oder am Boden liegenden. Das hätte einen Bumerang-
Effekt auf mich. ich könnte den Schmerz des anderen nicht
ertragen.

Aber damit spreche ich nur für einen Teil der Borderliner.
WIR sind nicht alle gleich. Und wir sind auch in den
Ausprägungen so vielfältig verbreitet so unterschiedlich.
Oft spielen andere Persönlichkeitsstörungen mit rein – die
einen erheblichen Einfluss auf das Krankheits- und Er-
scheinungsbild des Borderliners nehmen… das muss man klar
voneinander trennen.

Das darf man nie vergessen. Uns eint etwas … aber uns
unterscheidet auch soviel. Und das sollte man in so
negativen Darstellungen über den empathielosen Borderliner
bedenken….

ÜBRIGENS – ich hab natürlich den Beitrag dort kommentiert,
wo Borderliner mit dem Attentäter von Oslo verglichen wurden… :crazy:
und ihnen ein Gefühlserleben von Psychopathen angedichtet wurde.

ja und ich hab es ziemlich aggressiv gemacht. Kommentiert. 😛
Denn dafür gab es keinerlei psychiatrisches Gutachten, dass Borderline
überhaupt nur in Erwägung gezogen hätte. und mein Kommentar
war „saftig“ …typisch Borderline – könnte man sagen –
aber bei so einem Mist – von einem „gekränkten Partner einer
Borderlinerin“ – und das darf man nie vergessen – den auch
bei normalen Trennungen gehen die Gefühle halt mal mit einem
durch – und man malt den andren Partner gerne schwarz…. so
aus tiefer Verletzung, was ich auch verstehe – aber da platzt
mir echt die Hutschnur.

Der Kommentar wurde bisher nicht freigeschaltet. Nicht schlimm.
Ich hab mich wie gesagt, wieder mal nicht in ein so günstiges Licht
gerückt. *schmunzel* Denn ich bin ein Mensch mit intensiven Gefühlen…
eigenen und gespiegelten 😉

btw. Selbst Psychopathen kennen/haben Empathie und können sie,
wenn es ihnen zum Vorteil gelangt nutzen – allerdings haben
sie so etwas praktisches wie einen Ausschalter. 😉

16 Antworten zu “Über Empathie und Borderline

  1. Sehr gerne. 🙂 … esoterisch bin ich zwar nicht.
    Aber Fabelwesen – die mag ich sehr. mein liebster
    ist der Puck. *grins* – warum auch immer.

    Oh – und ein paar Fabelwesen…
    (allerdings sehr gut versteckt )
    die gibt es sogar in meinem Blog. 😉

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